24 Stunden - immer im Einsatz
In einer Rettungsstelle gibt es keine Pause
von Antje Hildebrandt
Ein Blick, und Krankenpfleger Alexander Noetzel weiß, wie es dem Patienten geht. Alexander Wenzlaff liegt ausgestreckt in Shorts und Poloshirt auf einer Liege in der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses Berlin (ukb) in Marzahn. Beim Blutabnehmen ist ihm etwas schummerig geworden. Nur mit Mühe bringt er seinen Oberkörper wieder in die Vertikale. Es ist 12.40 Uhr, und der Schreck über den Unfall steht dem 32-jährigen Handwerker aus dem brandenburgischen Bernau noch ins Gesicht geschrieben. Morgens hat er mit einem Kollegen einen Laden entrümpelt. Plötzlich passiert es: Eine Fensterscheibe rutscht ihm aus der Hand und fällt mit der Kante auf den Zeigefinger. „Beugen Sie mal“, sagt Assistenzärztin Dr. Saskia Staedtler. Leichter gesagt als getan. Die Scheibe hatte sich zwischen das zweite und dritte Glied des Fingers gebohrt und die Sehne durchtrennt. Wenzlaff mag gar nicht hinschauen. Er sagt: „Ich dachte, der Finger ist ab.“ Die Notfallambulanz des ukb ist nicht seine erste Station. Im Krankenhaus von Bernau haben sie ihn hierher überwiesen. Das Klinikum wird von den Berufsgenossenschaften getragen, hier landen Patienten nach Arbeits- und Wegeunfällen. Es gilt aber auch als sichere Adresse für Rückenmarks-, Brand- und Handverletzte. Der ehemalige Olympia-Turner Ronny Ziesmer wurde hier nach seinem folgenschweren Sturz behandelt oder brandverletzte Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan.
Die Klinik ist mit modernster Medizintechnik ausgestattet, auf dem Dach liegt der Hubschrauberlandeplatz. Mehr als die Hälfte der 85.000 Patienten, die 2010 im ukb behandelt wurden, kam zunächst hierher in die Rettungsstelle. Der Andrang erklärt, warum Patienten wie der 20-jährige Marcel Kaufmann an einem durchschnittlichen Nachmittag im Juli schon mal mehr als eine Stunde warten müssen, bevor sie mit einem Zeckenbiss an die Reihe kommen. Patienten, die mit dem Rettungshubschrauber oder mit dem Notarztwagen gebracht werden, haben eben Vorrang. Sie werden eilig in den sogenannten Schockraum am Ende des Flurs gebracht.
Rund um die Uhr für die Patienten da – egal, ob sie wegen eines Zeckenbisses kommen oder mit schwerwiegenden Verletzungen
Die Rettungsstelle ist das Aushängeschild des Klinikums. Hier muss sich der Slogan des ukb sieben Tage die Woche an der Realität des Alltags messen lassen: „24 Stunden – was auch geschieht“. Alexander Noetzel kennt sich in dem Haus gut aus. Er arbeitet seit 1997 als Krankenpfleger im ukb. „Ich gehöre praktisch schon zum Inventar“, sagt er. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Noetzel ist ein schlanker Mittdreißiger mit randloser Brille und sorgfältig getrimmtem Vollbart. Einer, der sich flink über den Flur bewegt und dabei Ruhe und Sicherheit ausstrahlt. Es sind Eigenschaften, die in der Rettungsstelle unverzichtbar sind. „Kein Tag ist wie der andere, aber genau darin besteht die Herausforderung“, sagt Noetzel, während er sich zu der Patientin herunterbeugt, die gerade mit dem Rettungswagen eingeliefert wurde. „Man muss sich immer wieder neu strukturieren.“
Statt des Umzugswagens kommt der Krankenwagen
Die Frau liegt im Schockraum, das linke Bein auf ein Polster gebettet. Eigentlich, murmelt die 62-jährige Erika Klang, eigentlich wollte sie heute umziehen. Es war kurz nach neun Uhr, als sie ihre Wohnung im vierten Stock verließ, um einen Zettel an den Baum vor der Tür zu heften. „Bitte die Parklücke für den Umzugswagen freihalten.“ Der Boden glänzte noch feucht, doch bevor sie erkannte, dass die Reinigungsfirma ausnahmsweise Bohnerwachs verwendet hatte, war sie schon ausgerutscht und gestürzt. Ein Albtraum für die Finanzberaterin. Als Freiberuflerin braucht sie beide Beine, um ihre Kunden zu besuchen. Doch beim Sturz hat sie sich das linke Fußgelenk ausgekugelt. Jetzt liegt sie in der Rettungsstelle und wartet auf das Ergebnis der Röntgen-Untersuchung, nachdem das Sprunggelenk in Kurznarkose wieder eingekugelt wurde. Ein erstes Bild zeigt keinen auffälligen Befund. Erika Klang wirkt schläfrig, sie spricht mit schleppender Stimme. Dabei ist sie völlig aufgeregt und auch ein bisschen durcheinander. Das zeigt ihr Puls. Man kann ihn laut und deutlich im Schockraum hören. Es ist das rhythmische Piepen, wie man es aus amerikanischen Krankenhausfilmen kennt.
Der Dienst ist anstrengend, aber dennoch ihr Traumjob
Es ist 14.40 Uhr, und Erika Klang liegt jetzt im Gipsraum. Weitere Röntgenaufnahmen haben gezeigt, dass bei ihrem Sturz nicht nur der Innen- und Außenknöchel, sondern auch das hintere Schienbeindreieck gebrochen wurde. Die 62-Jährige seufzt. Der Umzug muss ohne sie stattfinden. „Wir können Sie erst operieren, wenn die Schwellung zurückgegangen ist“, sagt Ärztin Saskia Staedtler. Also erst in ein paar Tagen.
Die 30-jährige Medizinerin tippt den Befund in den Computer ein. Die Unfallchirurgin ist erst vor einem Jahr ins ukb gekommen, nach Stationen in der Schweiz und in Schleswig-Holstein. Es ist ein Job, der die resolute Jungärztin mitunter an ihre körperliche Belastungsgrenze führt. So wie heute. Ihr 24-stündiger Bereitschaftsdienst hat um zehn Uhr morgens begonnen. Erst gegen drei Uhr morgens wird sie sich im Bereitschaftszimmer für einen Moment hinlegen können. Trotzdem sei es immer noch ihr Traumjob, versichert sie. Am meisten Spaß macht ihr das Operieren. „Man sieht schnell den Erfolg seiner Arbeit“, sagt sie. Kinder? Doch, die wolle sie schon haben. Irgendwann. Im ukb könnte sie Familie und Beruf gut miteinander vereinen. Die Klinik bietet flexible Arbeitszeitmodelle an, und für den Nachwuchs der Mitarbeiter gibt es einen Betriebskindergarten, der die Früh- und Spätschicht abdeckt. „Das sind effektive Mittel im Kampf gegen den künftigen Mangel an Fachkräften“, sagt der Ärztliche Direktor und Geschäftsführer des ukb, Prof. Dr. Axel Ekkernkamp.
Krankenpfleger Alexander Noetzel schiebt Erika Klang auf die Station. Es ist 15.50 Uhr und immer noch relativ ruhig. Der Ansturm beginnt in der Regel erst nachmittags. Wenn die Arztpraxen schließen, geht es hier richtig los. Dann kommen sie von überall her, die leichter Verletzten aus der näheren Umgebung – und die Schwerverletzten aus dem ganzen Bundesgebiet.


