Tief durchatmen, bitte!

Der Star: Roter Sand nordöstlich von Wangerooge ist weltberühmt. 1885 ging der Leuchtturm in Betrieb und warnte die Seeleute 79 Jahre lang vor dem gleichnamigen gefährlichen Riff.
Roter Sand nordöstlich von Wangerooge ist weltberühmt.

Die Gedanken treiben lassen, den Kopf frei bekommen: Wo gelingt das besser als am Meer? Reisen Sie mit uns zu den schönsten Leuchttürmen an der deutschen Küste. Hier weht der Wind um die Nase. Und die Aussicht weitet den Blick.

Angegriffen sah er aus, Wind und Wetter in der Außenweser hatten seinem Fundament seit Jahrzehnten zugesetzt, und gebraucht wurde das Licht des Leuchtturms Roter Sand längst nicht mehr. Was also sollte man tun mit diesem Bauwerk draußen auf See? 28 Meter ragte es aus der Wasseroberfläche heraus; der markante Turm mit breiten rot-weißen Streifen bedeutete schon für Hundertausende Auswanderer den letzten, oft wehmütigen Blick auf die vertraute Heimat. Roter Sand, dieses historische Seestück, stand vor dem Abriss. Seine Unterhaltung wurde zu teuer.

Dann aber kam die rettende Idee: Eine riesige schwarze Manschette aus Stahl wurde dem Leuchtturm übergestülpt, als würde man ihm eine an beiden Seiten offene Mütze aufsetzen. Nur dass diese Mütze 100 Tonnen wog. Das Manöver gelang. Ein schwimmender Kran näherte sich dem Ponton, hob das rettende Teil bis über die Laterne, und langsam, langsam senkte die Mannschaft die neue Verkleidung hinab. 1986 spielte sich diese 1,2 Millionen Euro teure Rettungsaktion ab, die von privaten Spendern maßgeblich unterstützt worden war. Ein Denkmal war gerettet.

Roter Sand ist wohl der bekannteste Leuchtturm an Deutschlands Küsten, aber er steht auch symbolisch für das, was Menschen oft mit diesen ja im Grunde meist schlichten Bauwerken verbinden. Das Meer, den Strand, die Dünen, Wind, Spaziergänge am Wellensaum, also: eine schöne Zeit. 

Die Seefahrt kann auf diese Technik inzwischen meist verzichten, weil Kapitäne mit dem Global Positioning System (GPS) navigieren: Satelliten leiten Schiffe in Häfen. Dennoch leuchten an Nord- und Ostsee einige Hundert Lichter und Türme weiter. Sie sind eine Versicherung, wenn all diese neumodische Technik mal versagen sollte.

Und an den Küsten sind viele Menschen der Ansicht, dass nicht alles automatisch abgerissen werden muss, was keinen unmittelbaren nautischen Zweck hat. Zum Roten Sand setzen heute Touristen über und freuen sich über Tage am Meer. Wenn das mal kein Nutzen ist.

www.roter-sand.de


Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.
Dem Turme geschworen gefällt mir die Welt.

Goethe, Faust II    

Der Leuchtturm von Pellworm: Sein Licht ist 2002 erloschen.
Der Leuchtturm von Pellworm

140 Stufen bis zum „Ja“

Natürlich ist der Leuchtturm von Pellworm nördlich vom schleswig-holsteinischen Eiderstedt auch ein ganz normaler Leuchtturm. Die Insel aber wirbt seit zwölf Jahren mächtig mit ihrem Bau als höchstem Leuchtturmstandesamt. Die Trauung nimmt Kapitän Eberhardt vor, jedoch muss das Paar zunächst 140 Stufen bis ganz nach oben steigen. Nach der Zeremonie, abgehalten nach seemännischer Art, geht das junge Glück ein wenig auf der Galerie herum und blickt aufs Meer. Unten gibt es dann ein Glas Sekt. 2600 Menschen haben den Bund fürs Leben, oder zumindest den Bund für einige Zeit, bereits auf dem Pellwormer Leuchtturm besiegelt.

Optisch betrachtet, hat die Konstruktion einen Zwilling im nahen Westerheversand. Der Turm dort gibt mit seinen zwei Häuschen links und rechts eine der bekanntesten Silhouetten ab: Der Norddeutsche Rundfunk verwendet sie in etlichen Trailern als Synonym für den Norden schlechthin. Das Licht vom Pellwormer Turm wird seit 1977 ferngesteuert. Es war das Jahr, in dem sein Leuchtturmwärter zum Eider-Sperrwerk wechselte.

Kleiner Klassiker

Der Leuchtturm Dornbusch ist einer der Klassiker unter den deutschen Feuerträgern. Man findet ihn auf Kaffeebechern, Teedosen und Kacheln: Er steht auf einer Anhöhe auf der Insel Hiddensee, wurde lediglich nur 28 Meter in die Höhe gebaut (ein Witz für einen Leuchtturm), sendet sein Licht aber dennoch aus 95 Metern und damit aus einer Höhe wie kaum ein zweiter Turm an Nord und Ostsee – dem kleinen Berg sei Dank. Im milden Abendlicht wirkt der weiße, zwölfeckige Turm mitsamt seiner hügeligen Umgebung ein bisschen wie die Toskana der Ostsee. Touristen wissen solche Schönheit zu schätzen: Die Plattform des inzwischen denkmalgeschützen Feuerträgers, so heißen Türme unter Fachleuten, ist zu besichtigen. Der Leuchtturm Dornbusch, wie er offiziell heißt, stand übrigens öfters auf der Kippe. 1926 zogen sich Risse durch die Mauern, weshalb er mit einem Mantel aus Stahlbeton geschützt worden ist. Nach der Wende, 1994, wurde der Leuchtturm erneut saniert und bekam seinen charakteristischen weißen Anstrich.

Hotel in luftiger Höhe

Wer sich dem aus roten Ziegelsteinen errichteten quadratischem Leuchtturm Neuwerk bei einem Spaziergang auf dem Deich von Weitem nähert, bekommt zumindest im Sommer den Eindruck, als wüchse das Bauwerk auf der Insel Neuwerk aus dichtem Baumbestand und Gebüsch hervor. Der Turm gehört bis heute der Hansestadt Hamburg, wurde vor 700 Jahren fertiggestellt und stellte alle Beteiligten vor große Herausforderungen: Das Material kam entweder aus Hamburg oder dem zwölf Kilometer entfernten Festland. Seit 1814 dient der Bau als Leuchtturm und weist Schiffen in der Elbmündung den Weg.

Der Leuchtturm Neuwerk ist wohl der einzige seiner Art, der von Cuxhaven aus auf dreierlei Art zu erreichen ist. Zu Fuß per Wanderung, im Pferdegespann ebenfalls übers Wattenmeer und gezeitengemäß nur bei Ebbe und natürlich per Schiff. Nach dem Anlegen ist es nicht weit bis ins – wenn man es so nennen will – Neuwerker Zentrum. Da steht der Leuchtturm. Besucher können auf seine höchste Ebene steigen und sich das Licht ansehen, das in 39 Metern Höhe rund 16 Seemeilen weit hinaus auf die Nordsee strahlt. Und das Beste: In sieben putzigen Zimmern können Gäste übernachten.

www.leuchtturmneuwerk.de