Der lange Weg vom Medizinstudium zum Facharzt
Die beiden Assistenzärzte Carl Opitz und Julia Vogler gehen ihn gern
von Pamela Przybylski
Carl Opitz ist Assistenzarzt am Universitätsklinikum Münster (UKM). Er ist ein schlanker Mann mit entschiedenen Gesten. Seit einem Jahr arbeitet er in der Geburtshilfe und bildet sich dabei weiter – zum Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Ein Drittel des Praktischen Jahres absolvieren Medizinstudenten in einem Wahlfach. Opitz entschied sich für die Gynäkologie. Die Praxis bestätigte ihn. Die Entscheidung für ein Medizinstudium war im Zivildienst gefallen. Die Arbeit in einer Klinik hatte ihn damals neugierig gemacht: Wie der Mensch funktioniert, das habe ihn interessiert. Er bekam einen Studienplatz in Göttingen. Das praktische Jahr verschlug ihn nach Oldenburg, Lüneburg und Kapstadt. Die Zeit in Südafrika hat ihn besonders geprägt. Zwei Monate seines Aufenthaltes dort verbrachte er in einem Krankenhaus in den Townships – einfachen Wohngebieten am Stadtrand, die zu Zeiten der Apartheid entstanden. Das Krankenhaus hatte kaum Personal. „Ich konnte viel machen, wurde dadurch schnell ausgebildet“, erzählt er. Die Dankbarkeit der Menschen dort überwältigte ihn. „Es ist schön, wenn Patienten unsere Arbeit nicht nur als bloße Dienstleistung sehen.“
Die Anerkennung der Patienten ist ihnen wichtig
Gegenüber im Ostturm des Klinikums, 17. Etage. Von hier aus sieht man weit über die Stadt. Durch einen kleinen Park in der Nähe spazieren Menschen. Julia Vogler hat dafür jedoch keinen Blick. „Es ist unsere ausdrückliche Empfehlung, dass Sie eine MRT machen lassen“, sagt sie. MRT steht für Magnetresonanztomografie, ein Verfahren, das Schnittbilder des Körpers liefert. Skeptisch blickt die ältere Dame die Ärztin über ihre Brille hinweg an und schüttelt den Kopf. In eine Röhre? Nein. „Ich will einfach nur nach Hause“, sagt sie mit fester Stimme. Die Assistenzärztin wiederholt freundlich, aber mit Nachdruck. „Wir können das nur ausdrücklich empfehlen.“ Die Patientin bleibt unbeirrbar. Zumindest einen Neurologen solle sie dann aufsuchen – nach dem Klinikaufenthalt, ambulant. Vogler gibt nicht auf. Die Patientin nickt.
Ehrgeiz und die Freude am Beruf treiben sie an
„Ich kann niemanden zu etwas zwingen“, sagt die 28-Jährige und seufzt. Sie streicht eine Strähne hinter das Ohr. Die langen braunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Eine „optimale Behandlung“ wolle sie den Patienten bieten. „Das, was sie erwarten, auch erfüllen.“ Es ist der Ehrgeiz, der sie antreibt – und die Freude am Beruf. „Ich will das einfach machen“, betont die junge Frau. „Man sieht, was die anderen können, und hat den Ansporn, dass man das auch lernt und autark wird.“ Autark – dieses Wort sagt sie oft. Selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Das ist ihr Ziel. Strikt nach vorn, ohne Pausen. Auch deshalb hat sie sich für die Kardiologie entschieden, obwohl sie nach dem Studium zunächst in die Kinderheilkunde ging. „Es ist ein total schönes Fach, aber dann habe ich gemerkt: Ich vermisse die Kardiologie“, sagt sie. Nach einem halben Jahr wechselte sie. Seit Juni 2010 ist sie im Department für Kardiologie und Angiologie des Münsteraner Uniklinikums. Warum? „Hier sind die Arbeitsabläufe anders“, sagt sie. „Es geht zack, zack, und wenn was nicht passt, dann sagt man sich das.“ Internistin und Kardiologin ist die Fachbezeichnung, auf die Julia Vogler hinarbeitet. Fünf bis sechs Jahre dauert die Weiterbildung. Ihren Doktor hatte die junge Ärztin bereits während des Studiums in Kardiologie gemacht. „Für einen jungen Arzt ist es schwierig, die fehlende Erfahrung durch Wissen zu ersetzen“, sagt Oberarzt Paulus Kirchhof. Julia Vogler gelinge dies.
Eine große, blau gerahmte Flügeltür führt in den Kreißsaal: breiter Gang, weiße Wände, grauer Linoleumboden. „Entbindung“ steht rechts auf der Tür, die zu einem weiteren Korridor führt. Carl Opitz lächelt. Er erinnert sich an einen Mann, der durch die Gänge lief, das Neugeborene auf dem Arm. „Ich habe noch nie im Leben einen so stolzen Vater gesehen“, sagt Opitz. Mit 48 Jahren hatte die Frau des Mannes nach einer Eizellspende ihr erstes Kind geboren. „Er hatte das Kind letztlich mehr auf dem Arm als die Mutter.“ Es gebe viele Momente, in denen er Freude mit den Patienten teilen könne.
Schritt für Schritt mehr Verantwortung
Im Kreißsaal ist Carl Opitz als Assistenzarzt häufig der erste Arzt, dem die Patientinnen begegnen. Er wird gerufen, wenn Patienten neu hereinkommen, eine Geburt bevorsteht oder bei einer Schwangeren etwas nicht stimmt, auf eine Krankheit hinweist. Im Falle schwieriger Eingriffe seien natürlich die Oberärzte vor Ort. Aber: „Man wird mehr und mehr an die Aufgaben herangeführt“, sagt Opitz. Assistenzärzte stehen im ständigen Kontakt mit den Fach- und Oberärzten ihrer Bereiche, halten Rücksprache bei Problemen. „Das läuft hier hervorragend“, sagt er. Die gute Zusammenarbeit in der Geburtshilfe helfe ihm auch, bei Notfällen ruhig zu bleiben.
„Der ist gekauft“, sagt Prof. Walter Klockenbusch über den Assistenzarzt und lacht. Er ist der Leiter der Geburtshilfe. Auf dem Tisch vor sich hat er lange Streifen Millimeterpapier ausgebreitet. Darüber ziehen sich Linien in Zackenform. Die Herztöne ungeborener Kinder. Klockenbusch fährt mit seinem Stift über das Kardiotokogramm (CTG). „Was, würden Sie sagen, fehlt da?“ Carl Opitz beugt sich über das CTG, greift an sein Kinn, zögert kurz, antwortet. „Akzelerationen.“ Ein Anstieg des Herzschlags, wenn sich das Kind bewegt. „Genau“ – Klockenbusch strahlt. „Herr Opitz ist kommunikativ und lernt schnell“, sagt der Leiter der UKM-Geburtshilfe. „Er ist auch nicht beleidigt, wenn man ihm sagt, dass etwas mal nicht so gut war.“
Die Erfahrung der Vorgesetzten, die Hinweise erfahrener Ärzte – daraus zu lernen ist Carl Opitz wichtig. „In der Theorie ist vieles schwarz-weiß“, sagt Opitz. „Im klinischen Alltag gibt es jedoch Graustufen. Nicht alles ist so klar, wie man es aus den Lehrbüchern kennt.“ Wenn er sich vergewissern will, fragt er nach. Die Patienten hätten dafür Verständnis. Vorbehalte? Ganz selten. „Ich hatte bisher nicht das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden“, sagt er. „Zu Männern haben die Patientinnen eher Vertrauen.“ Er lacht. Seine Kolleginnen hätten da mehr Probleme. „Das ist der Klassiker.“ Julia Vogler grinst. „Dass man im Dienst als Schwester angesprochen wird oder die Frage fällt: Wollen Sie mal Ärztin werden?“ Beirren lässt sie sich dadurch nicht. „Man muss das dann einfach richtigstellen.“


